Geschichten

Wenn Nationen ihr Lied wechseln: Hymnen nach Revolutionen

Im Laufe der Geschichte haben Nationen immer wieder ihre Hymnen gewechselt. In unserem Datensatz von 195 Landern haben 63 mindestens einmal eine andere Hymne angenommen. Von der Franzosischen Revolution uber die deutsche Wiedervereinigung bis zur postsowjetischen Welle: Hymnenwechsel zeichnen die tektonischen Verschiebungen der politischen Geschichte nach.

N

Nationalia Research

Data Journalism

Am 3. Oktober 1990, als Ost- und Westdeutschland um Mitternacht wiedervereinigt wurden, spielte das Orchester vor dem Reichstag die dritte Strophe des Deutschlandlieds. Nicht die erste Strophe (“Deutschland uber alles”), die durch die nationalsozialistische Vereinnahmung belastet war. Nicht die ostdeutsche Hymne “Auferstanden aus Ruinen”, die zusammen mit dem Staat, der sie komponiert hatte, ausser Dienst gestellt wurde. Nur die dritte Strophe, die mit “Einigkeit und Recht und Freiheit” beginnt, uberlebte die Wiedervereinigung. Eine einzige Hymne nahm zwei widersprachliche Geschichten in sich auf, indem sie auswahlte, welche 24 Zeilen bewahrt und welche verworfen werden sollten.

So sehen Hymnenwechsel aus der Nahe aus: nicht bloss ein Austausch eines Liedes gegen ein anderes, sondern die Entscheidung einer Nation, welche Version ihrer eigenen Geschichte sie erzahlen will. In unserem Datensatz von 195 Landern haben 63 irgendwann eine andere Hymne angenommen. Die Gesamtzahl der Hymnenwechsel in der Geschichte ist weitaus hoher, da viele Lander ihre Hymne mehrfach gewechselt haben und aufgeloste Staaten nicht mitgezahlt werden. Manche haben ihre Hymne drei-, vier- oder funfmal in einem einzigen Jahrhundert geandert. Jeder Wechsel markiert einen Moment, in dem das alte Lied untragbar geworden war, in dem die Kluft zwischen dem Selbstbild einer Nation und ihrer offiziellen Musik zu gross wurde.

Der Ausloser: Wann wechselt ein Land sein Lied?

Hymnenwechsel geschehen nicht allmahlich. Sie treten in Schüben auf, ausgelost durch bestimmte Kategorien politischer Erschtterung. Untersucht man die gesamte historische Dokumentation, erklaren funf Hauptausloser nahezu jeden Hymnenwechsel der Neuzeit.

Revolution. Wenn eine Regierung gestürzt wird, wird die alte Hymne fast immer ersetzt. Frankreich (1792), die Nachfolgestaaten der Sowjetunion (1991), Libyen (2011) und der Iran (1979) ersetzten ihre Hymnen innerhalb weniger Monate nach dem Regimewechsel. Die Geschwindigkeit ist entscheidend: Die Hymne gehort typischerweise zu den ersten funf Symbolen, die geandert werden, neben Flagge, Wappen, Wahrungsbildern und offentlichen Denkmalern.

Unabhangigkeit. Wenn ein Territorium zum souveranen Staat wird, braucht es eine Hymne von Grund auf. Dies ist der haufigste Ausloser und erkart etwa 100 Hymnenannahmen allein im 20. Jahrhundert. Die postkolonialen Staaten Afrikas und Asiens (1945-1975) sowie die postsowjetischen Staaten (1991) komponierten oder wahlten Hymnen als Teil des Unabhangigkeitsprozesses.

Regimewechsel ohne Revolution. Manche Hymnenwechsel folgen einem Machtubergang, der verhandelt statt gewaltsam ist. Sudafrika (1997) kombinierte zwei Hymnen nach dem Ende der Apartheid. Spanien behielt die Melodie seiner Hymne aus der Zeit vor dem Burgerkrieg nach Francos Tod 1975 bei, doch die frankistischen Texte wurden stillschweigend fallengelassen. Solche Ubergange bringen hybride Hymnen oder strategische Stillen hervor.

Wiedervereinigung oder Teilung. Wenn Staaten fusionieren oder sich spalten, muss die Hymnenfrage gelost werden. Deutschland (1990) wahlte eine Hymne aus zweien. Der Jemen (1990) nahm bei der Vereinigung eine neue Hymne an. Die Tschechoslowakei (1993) teilte ihre Hymne, als sie sich in zwei Lander aufteilte. Vietnam (1976) dehnte die Hymne des Nordens nach der Wiedervereinigung auf den Suden aus.

Gesellschaftliche Transformation. In seltenen Fallen wechselt ein Land seine Hymne ohne formellen Regierungswechsel. Nepal (2007) ersetzte seine konigliche Hymne nach der Abschaffung der Monarchie durch eine verfassunggebende Versammlung. Kanada nahm 1980 “O Canada” an, um “God Save the Queen” als Teil einer umfassenderen Behauptung eigenstandiger nationaler Identitat abzulosen, obwohl die britische Hymne nie offiziell gesetzlich verankert worden war. Ruanda nahm 2001 im Rahmen seines nationalen Versohnungsprozesses nach dem Genozid eine neue Hymne an.

Das Muster ist eindeutig: Hymnenwechsel sind Symptome, nicht Ursachen. Sie schaffen keine neuen politischen Realitaten; sie ratifizieren sie. Die Hymne gehort zu den letzten Symbolen des alten Regimes, die fallen, und zu den ersten des neuen, die errichtet werden.

Frankreich: Die erste Hymnenrevolution

Die Marseillaise ist die Vorlage. In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1792 von Claude Joseph Rouget de Lisle in Strassburg geschrieben, wurde sie 1795 zur Hymne der Franzosischen Republik und damit zum ersten Lied, das durch einen Gesetzgebungsakt offiziell zur Nationalhymne erklart wurde. Doch damit endete ihre Geschichte nicht. Im folgenden Jahrhundert wurde die Marseillaise verboten, wiederhergestellt, erneut verboten und erneut wiederhergestellt, wobei jede Schwankung der franzosischen Politik gespiegelt wurde.

1795-1804: Erste Republik. Die Marseillaise diente als Hymne der revolutionaren Republik. Ihre aggressive, kriegerische Sprache (“Qu’un sang impur abreuve nos sillons”, oft ubersetzt als “Unreines Blut tranke unsere Furchen”) entsprach dem Geist der Epoche.

1804-1815: Napoleonisches Kaiserreich. Napoleon ersetzte die Marseillaise durch “Veillons au salut de l’Empire” und spater durch “Le Chant du Depart”. Die revolutionare Hymne war fur einen Kaiser zu demokratisch.

1815-1830: Restauration der Bourbonen. Die wiederhergestellte Monarchie verbot die Marseillaise vollstandig. Wer sie sang, konnte verhaftet werden. Stattdessen wurde die royalistische Hymne “Vive Henri IV” gefordert.

1830: Julirevolution. Die Revolution, die Louis-Philippe an die Macht brachte, machte die Marseillaise vorubergehend wieder popular, obwohl sie nicht formell wiedereingesetzt wurde.

1852-1870: Zweites Kaiserreich. Napoleon III. unterdruckte die Marseillaise erneut und ersetzte sie durch “Partant pour la Syrie”, ein Lied seiner Mutter Hortense de Beauharnais.

1879: Endgultige Wiederherstellung. Die Dritte Republik stellte die Marseillaise am 14. Februar 1879 offiziell wieder her. Seitdem ist sie Frankreichs Hymne geblieben und hat zwei Weltkriege, das Vichy-Regime (das sie neben der Marechal-Hymne verwendete) und zahlreiche kulturelle Debatten uber ihren gewalthaltigen Text uberstanden.

Der franzosische Fall demonstriert ein Prinzip, das weltweit gilt: Das Uberleben einer Hymne ist nie garantiert. Die Marseillaise bestand, weil das republikanische Ideal, das sie vertritt, letztlich den langen Wettstreit um Frankreichs politische Identitat gewann. Hatten die Monarchisten oder Bonapartisten dauerhaft die Oberhand behalten, wurde Frankreich heute ein anderes Lied singen. Die Hymne hat nicht die Republik hervorgebracht; die Republik hat immer wieder die Hymne gewahlt.

Deutschlands drei Hymnen in einem Jahrhundert

Kein Land des 20. Jahrhunderts veranschaulicht die Politik des Hymnenwechsels lebhafter als Deutschland, das zwischen 1871 und 1990 praktisch drei verschiedene Hymnen (oder drei verschiedene Versionen verwandter Hymnen) verwendete.

Die Kaiserzeit (1871-1918). Das Deutsche Kaiserreich verwendete “Heil dir im Siegerkranz” als seine Kaiserhymne. Die Melodie war vom britischen “God Save the King” entlehnt, eine im 19. Jahrhundert gangige Praxis. Das Deutschlandlied, 1841 von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben geschrieben und mit Haydns Melodie von 1797 vertont, existierte als populares patriotisches Lied, war aber noch nicht die offizielle Hymne.

Die Weimarer Republik (1919-1933). Die erste deutsche Demokratie nahm das Deutschlandlied 1922 als offizielle Hymne an. Alle drei Strophen wurden verwendet, einschliesslich der ersten (“Deutschland, Deutschland uber alles”), die ursprunglich ein Aufruf zur deutschen Einheit uber regionale Loyalitaten hinaus war, kein Anspruch auf deutsche Uberlegenheit. Doch die Zweideutigkeit war bereits im Text angelegt, und die Nationalsozialisten sollten sie ausnutzen.

Die NS-Zeit (1933-1945). Die Nationalsozialisten behielten die erste Strophe des Deutschlandlieds bei, koppelten sie aber mit dem “Horst-Wessel-Lied”, der Hymne der NSDAP. Beide Lieder wurden bei offiziellen Anlassen hintereinander gespielt. Diese Koppelung kontaminierte die erste Strophe des Deutschlandlieds dauerhaft durch Assoziation.

Die Teilungsara (1949-1990). Nach dem Zweiten Weltkrieg brauchten die beiden deutschen Staaten unterschiedliche Hymnen. Westdeutschland hatte zunachst keine offizielle Hymne. 1952 vereinbarten Bundeskanzler Konrad Adenauer und Bundesprasident Theodor Heuss, dass das Deutschlandlied als Hymne dienen solle, bei offiziellen Anlassen jedoch nur die dritte Strophe (“Einigkeit und Recht und Freiheit”) gesungen werde. Die erste Strophe war rechtlich nicht verboten, aber politisch unmoglich.

Ostdeutschland gab eine vollig neue Hymne in Auftrag: “Auferstanden aus Ruinen”, mit Text von Johannes R. Becher und Musik von Hanns Eisler. Es war ein wirklich handwerklich gelungenes Lied. Der Text sprach von Einheit, Frieden und einem neuen Deutschland, das aus den Trummern des Krieges aufsteigt. Ironischerweise horte die DDR-Regierung nach 1972 auf, den Text zu verwenden, weil Zeilen uber “Deutschland, einig Vaterland” der staatlichen Politik widersprachen, Ost und West als getrennte Nationen zu behandeln. Von 1972 bis 1990 wurde die DDR-Hymne nur noch instrumental gespielt, ihre eigenen Worte politisch zu gefahrlich.

Wiedervereinigung (1990). Als Ost und West sich vereinigten, wurde die Hymnenfrage schnell geklart: Die dritte Strophe des Deutschlandlieds wurde zur Hymne der wiedervereinigten Bundesrepublik. “Auferstanden aus Ruinen” wurde ausser Dienst gestellt. Die Melodie des ostdeutschen Komponisten Hanns Eisler, die viele Musiker fur musikalisch uberlegen halten, verschwand vollstandig aus dem offiziellen Gebrauch. Die Wiedervereinigung war keine Verschmelzung von Gleichberechtigten; sie war eine Eingliederung, und die Hymne spiegelte das wider.

Sudafrika: Eine Nation, wiedergeboren im Lied

Sudafrikas Hymne von 1997 ist eines der bemerkenswertesten Stucke politischer Musikgestaltung der Neuzeit. Sie ist die einzige Nationalhymne der Welt, die die Hymne des ehemaligen Unterdruckers mit der Hymne der Befreiungsbewegung vereint und in funf der elf Amtssprachen des Landes vorgetragen wird.

Die Apartheid-Hymne war “Die Stem van Suid-Afrika” (Der Ruf Sudafrikas), 1918 von C.J. Langenhoven auf Afrikaans geschrieben und 1921 von M.L. de Villiers vertont. Sie war die Hymne des weissen Sudafrika, gesungen auf Afrikaans und Englisch, und feierte die Landschaft und die Verbundenheit der Siedler mit dem Land.

Die Gegenhymne war “Nkosi Sikelel’ iAfrika” (Gott segne Afrika), 1897 von Enoch Sontonga komponiert, einem methodistischen Schullehrer in Johannesburg. Ursprunglich ein Xhosa-Kirchenlied, wurde es 1925 vom Afrikanischen Nationalkongress als Hymne angenommen und zur Hymne der Anti-Apartheid-Bewegung. Es wurde bei Beerdigungen, bei Kundgebungen und in Gefangnissen gesungen. Fur Millionen schwarzer Sudafrikaner war es jahrzehntelang ihre wahre Nationalhymne, lange bevor das Gesetz sie anerkannte.

Als Nelson Mandela 1994 Prasident wurde, wurden beide Hymnen verwendet. 1997 wurde eine kombinierte Version offiziell angenommen. Die Struktur ist durchdacht: Die Hymne beginnt mit der ersten Strophe von “Nkosi Sikelel’ iAfrika” auf Xhosa und Zulu, setzt sich auf Sesotho fort, geht dann in “Die Stem” auf Afrikaans uber und schliesst mit einer neuen englischsprachigen Strophe fur die vereinte Nation. Eine einzige Darbietung umspannt funf Sprachen und zwei ehemals unversohnliche politische Identitaten.

Die Entscheidung, zu verschmelzen statt zu ersetzen, war politisch mutig. Viele im ANC wollten “Die Stem” vollstandig abschaffen, ebenso wie viele weisse Sudafrikaner sich nicht vorstellen konnten, “Nkosi Sikelel’ iAfrika” zu singen. Durch die Kombination erklarte das neue Sudafrika, dass es die Geschichte keiner Seite ausloschen wurde. Die Hymne selbst wurde zu einem Akt der Versohnung, taglich in Schulen und bei Sportveranstaltungen aufgefuhrt, wo die Widerspruche der Regenbogennation am sichtbarsten sind.

Die postsowjetische Welle

Die Auflosung der Sowjetunion im Dezember 1991 erzeugte gleichzeitig 15 neue Hymnensituationen und damit die grosste einzelne Welle von Hymnenwechseln seit der Dekolonisierung. Jeder der 15 Nachfolgestaaten wahlte einen anderen Ansatz, und die Entscheidungen offenbaren, wie sie ihre eigene Geschichte verstanden.

Die Wiederhersteller griffen auf vorsowjetische Hymnen zuruck. Die drei baltischen Staaten (Estland, Lettland, Litauen) stellten alle Hymnen aus ihren kurzen Unabhangigkeitsperioden von 1918-1940 wieder her. Lettlands “Dievs, sveti Latviju” (Gott, segne Lettland) war 1873 komponiert und unter sowjetischer Herrschaft verboten worden. Die Wiederherstellung dieser Hymnen war eine Behauptung, dass die sowjetische Besatzung eine illegale Unterbrechung gewesen sei, keine legitime Periode der Staatlichkeit.

Die Anpasser modifizierten Hymnen aus der Sowjetzeit. Russland selbst ist der prominenteste Fall. Nachdem es zunachst von 1990 bis 2000 Michail Glinkas “Patriotitscheskaja Pesnja” (Patriotisches Lied) als textlose Hymne verwendet hatte, leitete Wladimir Putin im Jahr 2000 die Wiederannahme der sowjetischen Hymnenmelodie mit neuem Text von Sergei Michalkow ein (der auch den sowjetischen Text 1944 geschrieben und 1977 uberarbeitet hatte). Derselbe Mann schrieb Texte fur dieselbe Melodie unter Stalin, Breschnew und Putin. Auch Usbekistan und Tadschikistan passten ihre Hymnen aus der Sowjetzeit an.

Die Neukomponisten schufen vollig neue Lieder. Die Ukraine nahm “Schtsche ne wmerla Ukrajiny” (Noch ist die Ukraine nicht gestorben) an, mit einem Text von Pawlo Tschubynskyj aus dem Jahr 1863 und Musik von Mychajlo Werbyzkyj. Es war die Hymne der kurzlebigen Ukrainischen Volksrepublik (1917-1920) gewesen und wurde 2003 offiziell als Hymne der unabhangigen Ukraine angenommen. Die Anfangszeile greift bewusst Polens “Jeszcze Polska nie zginela” (Noch ist Polen nicht verloren) auf und spiegelt die gemeinsame Geschichte staatenloser Nationen wider, die ihr Uberleben behaupten. Kasachstan, Kirgisistan und andere komponierten neue Hymnen von Grund auf.

Die postsowjetischen Hymnenentscheidungen korrelierten stark mit der politischen Ausrichtung jedes Staates. Die baltischen Staaten, die am aggressivsten Distanz zu Moskau suchten, stellten vorsowjetische Hymnen wieder her. Russland, das sich als Rechtsnachfolger der Sowjetunion positionierte, behielt die sowjetische Melodie. Die Ukraine, die sich gegen sowjetische und russische Identitat gleichermassen definierte, wahlte ein patriotisches Lied des 19. Jahrhunderts, das beiden vorausging.

Der Arabische Fruhling und daruber hinaus

Die Aufstandswelle, die 2011 den Nahen Osten und Nordafrika erfasste, brachte uberraschend wenige Hymnenwechsel hervor und offenbarte damit die Grenzen politischer Umwalzungen als Ausloser fur Hymnenanderungen.

Libyen ist der klarste Fall. Als die Opposition Muammar al-Gaddafi 2011 sturzte, kehrte sie sofort zu “Libya, Libya, Libya” zuruck, der Hymne des Konigreichs Libyen von 1951 bis zu Gaddafis Ersetzung durch “Allahu Akbar” nach seinem Putsch von 1969. Die Ruckkehr war symbolisch: Sie erklarte die Gaddafi-Ara zur Verirrung und den Staat vor Gaddafi zum legitimen Vorganger. Die wiederhergestellte Hymne war den nach 1969 geborenen Libyern praktisch unbekannt; sie mussten die Worte ihrer eigenen “neuen” Hymne erst lernen.

Agypten liefert ein Gegenbeispiel. Trotz des Sturzes von Husni Mubarak 2011 und der anschliessenden politischen Turbulenzen uberlebte Agyptens Hymne “Biladi, Biladi, Biladi” (Mein Vaterland, mein Vaterland, mein Vaterland) unbeschadet. Sie war 1979 nach den Camp-David-Abkommen angenommen worden (als Ersatz fur die panarabische Hymne “Walla Zaman Ya Selahy”) und wurde von Sayed Darwish komponiert, einer verehrten Figur der agyptischen Musik, der 1923 gestorben war. Das Uberleben der Hymne legt nahe, dass sie ihre Verbindung zur Regierung Sadats erfolgreich uberwunden und echte Popularitat erlangt hatte. Nicht jede Revolution verlangt ein neues Lied; manche Lieder sind grosser als die Regime, die sie eingefuhrt haben.

Tunesien, Jemen, Bahrain und Syrien erlebten wahrend des Arabischen Fruhlings alle erhebliche politische Umwalzungen, doch keines wechselte seine Hymne. Tunesiens “Humat al-Hima” (Verteidiger des Vaterlandes) uberlebte die Revolution, die die erfolgreichste Demokratie der Region hervorbrachte. Syriens “Humat ad-Diyar” (Wachter des Vaterlandes) bleibt die Hymne der Assad-Regierung, obwohl Oppositionsgruppen verschiedene Alternativen verwendet haben. Der Arabische Fruhling brachte trotz all seiner transformativen Energie weniger Hymnenwechsel hervor als die postsowjetische Welle oder die Dekolonisierungsperiode. Dies deutet darauf hin, dass Hymnenwechsel nicht nur politische Umwalzungen erfordern, sondern einen klaren, entschiedenen Bruch mit dem vorherigen Staat: eine neue Regierung, die sowohl die Autoritat als auch den Willen hat, das nationale Liederbuch umzuschreiben.

Warum manche Hymnen alles uberleben

Die bemerkenswertesten Hymnengeschichten handeln nicht vom Wandel, sondern von der Bestandigkeit. Eine Handvoll Nationalhymnen hat Jahrhunderte politischer, sozialer und militarischer Umwalzungen uberstanden, ohne ersetzt zu werden. Zu verstehen, warum sie uberdauerten, offenbart ebenso viel uber Hymnenpolitik wie das Verstandnis, warum andere fielen.

Das britische “God Save the King” ist seit 1745 ununterbrochen in Gebrauch. Es uberlebte den Verlust der amerikanischen Kolonien, die Napoleonischen Kriege, zwei Weltkriege, die Auflosung des Britischen Empires und die Verwandlung einer absoluten in eine konstitutionelle Monarchie. Es wurde nie formell angenommen; es bestand einfach durch Gewohnheit fort. Sein Uberleben ist teilweise eine Funktion der britischen verfassungsrechtlichen Kontinuitat. Anders als Frankreich oder Deutschland hat das Vereinigte Konigreich nie einen revolutionaren Bruch erlebt, der neue nationale Symbole erfordert hatte. Die Monarchie entwickelte sich, anstatt zu fallen, und ihre Hymne entwickelte sich mit, wobei der “King” je nach Monarch zum “Queen” und zuruck wechselte.

Das amerikanische “The Star-Spangled Banner” stammt von 1814 (offiziell angenommen 1931) und hat den Burgerkrieg, zwei Weltkriege, die Burgerrechtsbewegung und tiefgreifende gesellschaftliche Transformationen uberstanden. Versuche, es zu ersetzen, meist unter Berufung auf seinen schwierigen Stimmumfang oder seine kriegerische Bildsprache, sind wiederholt gescheitert. Das Uberleben der Hymne ist an die amerikanische verfassungsrechtliche Stabilitat gebunden: Die USA operieren seit 1789 unter derselben Verfassung, und ihre nationalen Symbole tragen die Autoritat dieser Kontinuitat.

Japans “Kimigayo” uberlebte die dramatischste politische Transformation der drei: den Ubergang vom feudalen Shogunat uber die imperiale Grossmacht und die Kriegsaggression zum besetzten Staat und schliesslich zur pazifistischen Demokratie. Nach 1945 gab es ernsthafte Vorschlage, es zu ersetzen, angesichts seiner Assoziationen mit dem Kriegsimperialismus. Linke Parteien und Lehrergewerkschaften widersetzten sich seiner Verwendung in Schulen uber Jahrzehnte. Dennoch uberlebte es, teilweise weil Japans Nachkriegstransformation durch die Kontinuitat des Kaisers gestutzt wurde. Hirohito blieb Kaiser von 1926 bis 1989 und bot einen Faden symbolischer Kontinuitat, an den sich die Hymne koppeln konnte.

Der gemeinsame Faktor ist verfassungsrechtliche Kontinuitat. Lander, die evolutionaren statt revolutionaren politischen Wandel erleben, behalten tendenziell ihre Hymnen. Lander, die abrupte, totale Bruche erleben (Revolution, Eroberung, Teilung), wechseln sie tendenziell. Die Hymne ist ein Seismograf: Sie registriert die Starke des politischen Bruchs. Allmahliche Verschiebungen lassen sie unberuhrt. Erdbeben zerbrechen sie.

Dieses Muster hat Vorhersagekraft. Wenn man wissen will, ob die Hymne eines Landes gefahrdet ist, sollte man nicht Meinungsumfragen uber die Beliebtheit des Liedes betrachten. Man sollte die Stabilitat seiner politischen Institutionen betrachten. Die Hymne fallt, wenn der Staat fallt. Bis dahin uberdauert sie und tragt in ihrer Melodie alle Widersprüche, Kompromisse und umkampften Erinnerungen, die eine Nation ausmachen.

Quellen und Referenzen

  1. Karen A. Cerulo. Symbols and the world system: National anthems and flags . Sociological Forum (1993)
  2. Karen A. Cerulo. Identity Designs: The Sights and Sounds of a Nation . Rutgers University Press (1995)
  3. Javier Moreno-Luzón, María Nagore-Ferrer (eds.). Music, Words, and Nationalism: National Anthems and Songs in the Modern Era . Palgrave Macmillan (2023)

Häufig gestellte Fragen

Wie viele Lander haben ihre Nationalhymne gewechselt?
In unserem Datensatz von 195 Landern haben 63 ihre Hymne irgendwann ersetzt. Manche haben ihre Hymne drei-, vier- oder funfmal in einem einzigen Jahrhundert geandert. Die Gesamtzahl der Hymnenwechsel in der Geschichte ist weitaus hoher, da viele Lander ihre Hymne mehrfach gewechselt haben. Hymnenwechsel sind am haufigsten nach Revolutionen, Unabhangigkeitsbewegungen, Regimewechseln und Wiedervereinigungen.
Warum wechseln Lander ihre Nationalhymne?
Die haufigsten Ausloser sind politische Revolutionen, Dekolonisierung, der Zusammenbruch autoritarer Regime, territoriale Wiedervereinigung sowie ethnische oder sprachliche Konflikte. Jeder Wechsel steht fur einen Moment, in dem die Kluft zwischen dem Selbstbild einer Nation und ihrer offiziellen Musik zu gross geworden war.
Welches Land hat seine Hymne am haufigsten gewechselt?
Mehrere Lander haben verschiedene Hymnen durchlaufen. Frankreich hat je nach Regime zwischen der Marseillaise und anderen Liedern gewechselt. Agypten, Afghanistan und der Iran haben nach aufeinanderfolgenden Revolutionen und Staatsstreichen jeweils mehrere Hymnen eingefuhrt. Lander in politisch instabilen Regionen weisen tendenziell die meisten Hymnenwechsel auf.
Was geschah mit der DDR-Hymne nach der Wiedervereinigung?
Die DDR-Hymne 'Auferstanden aus Ruinen' wurde mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 ausser Dienst gestellt. Das wiedervereinigte Deutschland behielt nur die dritte Strophe des Deutschlandlieds bei, die mit 'Einigkeit und Recht und Freiheit' beginnt. Sowohl die belastete erste Strophe als auch die ostdeutsche Hymne wurden verworfen.

Hymnen in dieser Geschichte